Schon seit Jahren träume ich davon, eine Definition des „erzählenden Sachbuchs“ zu schreiben – oder sie bei einem jener Menschen zu finden, die wie ich mal Germanistik studiert haben …. Denn unter den erzählenden Sachbüchern vermute ich das größte Eigensinns-Potenzial unter allen Buchgattungen. (Für alle, denen das Wort Eigensinn unsympathisch sein sollte: Es lässt sich an dieser Stelle auch gut durch Dinge wie selbstbestimmtes Publizieren oder die Unabhängigkeit von allzu engen Buchgenre-Schubladen ersetzen.)

Nur: Mit einer Definition des erzählenden Sachbuchs – oder auch nur des „normalen Sachbuchs“ – sieht es nicht sonderlich gut aus. Wie kann das sein?! Gilt doch die Bibel als das meistverkaufte Sachbuch … Obwohl gerade sie absolut nicht typisch für ein klassisches Sachbuch ist.

Es ist wirklich schwierig … Ich habe mich lange mit der sogenannten Sachbuchforschung beschäftigt. Und gebe zu:

Es erstaunt mich noch immer, wie schwer es zu sein scheint, hier klare Definitionen zu finden.

Definiere Sachbuch!

Versuchen wir das mal zu ergründen: Wieso soll es so schwierig sein mit einer Definition von „Sachbuch“?

Zum einen ist die Sachbuchforschung ein vergleichsweise junges Gebiet – erst vor etwa 50 Jahren wurde der Vorschlag umgesetzt, nicht fiktionale Literatur zur eigenständigen Gattung zu erklären, gern schlicht „non fiction“ genannt. Seitdem kommen fast täglich neue Fragen dazu, wie das denn funktionieren soll, wo die Grenzen verlaufen, welche Kriterien gelten sollen.

Und inzwischen hab ich da so eine Vermutung: Vielleicht ist es ja schon viel zu spät, um solche Fragen überhaupt noch beantworten zu können, vielleicht hat sich die Buchproduktion von Anfang an einfach nur entlang der Leserbedürfnisse entwickelt … Denn da kamen schon zur Zeit von Johannes Gutenberg, dem „Erfinder des Buchdrucks mit beweglichen Lettern“ Bücher auf den Markt, die sich beispielsweise mit lateinischer Grammatik befassten – das waren ganz sicher Sach- oder Fachbücher (kommt auf die Aufbereitung der Inhalte an). Schnell erschienen außerdem diverse Kalender in Buchform, unter anderem ein „Aderlass- und Laxierkalender“, ein „Kalender zur Erstellung und Deutung von Planetenkonstellationen und Horoskopen“ und das Weissagungsbuch „Sibyllenweissagung“. (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Gutenberg) Das alles müssen Sachbücher gewesen sein.

Und wir reden hier „erst“ von der Zeit seit Erfindung des Buchdrucks … Lange vorher wurden etwa in Klöstern fleißig von Hand Sachbücher verfasst, manchmal auch kopiert – naturkundliche Kompendien, medizinische Lehrbücher und vieles mehr. All das folgte den Interessen der Leserschaft. Ganz einfach. Und niemand kam auf die Idee, sie „Sachbücher“ zu nennen. Ein Buch hatte nützlich zu sein, sollte Wissen vermitteln. Oder „erbauliche Inhalte“ – damit waren anfangs vor allem christliche Texte gemeint.

Ohne Bestsellerlisten keine Definition?!

Sachbücher existieren also schon eeewig … Doch die Definition von Sachbüchern eben erst seit rund 50 Jahren. Damit ist die neuere Buch- und Genredefinition in ein schweres Dilemma geraten: Es will und will nicht gelingen, eine allgemeingültige Definition für das Sachbuch zu finden. Vom erzählenden Sachbuch – um das es mir hier vor allem geht – mal ganz zu schweigen.

Einer, der sich schon lang mit dem Thema beschäftigt, ist Michael Schikowski. An der Universität Mainz hat er 2006 die Zeitschrift für Analysen und Forschungen zum Sachbuch und zu anderen nicht-fiktionalen Gattungen „Non Fiktion – das Arsenal der anderen Gattungen“ mitbegründet. Wichtigstes Ergebnis ist wohl: Alle Bücher, die nicht in das Genre der Fiktion gehören, sind „Non Fiktion.“ Noch nicht einmal, ob das deutsche „k“ in Fiction wirklich einen Unterschied macht, wage ich zu entscheiden. Kurz: Definition von Sachbuch? Fehlanzeige. Das räumt Schikowski in seinem 2006 erschienenen Aufsatz „Hölderlins Hase“ unumwunden, wenn auch ziemlich sarkastisch ein: „Wie gut, dass es Bestsellerlisten gibt! Mit ihrer Hilfe kann jeder verfolgen, was als Roman und was als Sachbuch zu gelten hat. Denn in der Forschung liegt eine belastbare Definition für Sachbücher nicht vor. Das Sachbuch scheint angesichts der Fülle der Phänomene nicht definierbar, die wesentlichen Beobachtungen über das Sachbuch und seine Geschichte scheinen noch gar nicht getroffen zu sein.“ (Quelle: https://www.immer-schoen-sachlich.de/sachbuchforschung/)

Hmmm … Klingt für mich arg resigniert. Mag ich so nicht stehen lassen. Sein Kollege David Oels kann immerhin eine Mini-Definition liefern: „Ein Sachbuch ist wissensorientiert und für den privaten Bereich gedacht.“ Damit grenzt es sich schon mal vom wissenschaftlichen Fachbuch und dem sehr praxisorientierten Ratgeber ab. Das hat er dem Goethe-Institut in einem Interview gesagt (Quelle: David Oels und Michael Schikowski – Non Fiction, Arsenal der anderen Gattungen. Ratgeber. Hannover, 2012)

Definiere erzählendes Sachbuch!

Bleiben wir bei der Mini-Definition: „wissensorientiert und für den privaten Bereich gedacht“. Welches Wissen? Und was bedeutet „privat“? Wissen beruht – zumindest nach meiner Auffassung – immer auch auf Erfahrung. Also muss auch Biografisches dazu gehören, zählt doch die Biografie seit jeher schon zum Bereich der Sachbücher – wenigstens für den Buchhandel. Und Erfahrungs-Wissen ist – neben der Fantasie – ein überaus wichtiger Rohstoff beim Schreiben von Büchern.

Und was ist der „private Bereich“? Tja, das kann thematisch fast alles sein – kommt darauf an, wofür ich mich oder die Autor:innen sich privat interessieren. Für mich klingt in dem Wort „privat“ aber auch an, dass es subjektiv, vielleicht sogar emotional sein darf.

Zielführender als diese Mini-Definition finde ich da schon, was der Rowohlt-Verlag tut. Der bietet mit „Hundert Augen“ eine Reihe an, in der das erzählende Sachbuch ausdrücklich erwähnt wird. (Quelle: https://www.rowohlt.de/verlag/rowohlt-hundert-augen)

Die Definition des Rowohlt-Verlags von erzählenden Sachbüchern lautet folgendermaßen: „Bücher, die Geschichten erzählen. Die zu Herzen gehen oder das Zwerchfell reizen, die den Blick schärfen oder alles zugleich. Bücher, die nicht auf Vorbilder schielen, die sich nicht um vorgefundene Definitionen von Literatur kümmern. Bücher, die sich zwischen die Stühle setzen. Bücher, die Horizonte überschreiten. Es sind im Buchhandel bekannte Namen, die unter dem neuen Signet Rowohlt Hundert Augen erscheinen, Heinz Strunk etwa, Max Annas, Jan Seghers oder Dirk Stermann. Namen, die versprechen, dass es nicht zu konventionell zugeht, wie Giulia Becker oder Stefanie Sargnagel. Und viele Autore*innennamen, die den deutschen Leserinnen und Lesern hier zum ersten Mal vorgestellt werden, aus dem deutschen Sprachraum und darüber hinaus. Da nicht alles erfunden sein muss, was erzählt werden kann, gehören zum Programm von Hundert Augen, außerdem erzählende Sachbücher mit einer eigenen, literarischen Stimme.“

So ähnlich habe ich das in meiner Arbeit als Buchhebamme auch immer schon definiert … lange, bevor ich dieses Zitat kannte.

Okay, das war der Blick eines Verlags auf das Buchgenre „erzählendes Sachbuch“. Aber:

Was wollen Sachbuchleser:innen?

Noch einmal David Oels: Er erzählte in dem oben erwähnten Interview auch von Ergebnissen aus der Leserforschung: „Sachbücher werden nicht grundsätzlich anders gelesen als Romane. Der Sachbuchleser ist nicht nur auf der Suche nach praktischem Wissen, sondern zieht aus der Lektüre von Biografien, Reiseberichten und historischen Sachbüchern Inspiration für Tagträume und Wünsche.“

Offensichtlich können mit einem erzählenden Sachbuch also auch Emotionen ausgelöst werden. Das ist für mich eine gute Nachricht. Denn ich beobachte auf der anderen Seite häufig, wie Bücher, die das eindeutige Etikett „Roman“ tragen, auch viele nicht-fiktionale Elemente haben können. Das letzte Mal fiel mir das auf, als ich Identitti von Mithu Sanyal gelesen habe. In diesem ausdrücklich „Roman“ betitelten Buch kommen jede Menge Tweets vor, die ganz und gar real verfasst worden sind. Und dass Romane jede Menge biografischer Elemente enthalten können, ist ja sowieso eine bekannte Tatsache …

Weitere Auswirkungen – etwa auf das Lektorat

Hier möchte ich gern noch ein wenig aus dem eigenen Nähkästchen plaudern … Denn ich sehe mich als Lektorin auch immer in der Rolle einer „Anwältin“ der Lesenden: Was interessiert die, wie können wir sie mit dem Buch „bei der Stange halten?“ Da ist es schon mehr als einmal vorgekommen, dass ich als Lektorin im Gespräch mit Autor:innen angeregt habe, ein eher trockenes Sachbuchthema viel persönlicher anzugehen als ursprünglich geplant. Beispielsweise häufiger mal „Ich“ zu denken, zu sagen, zu schreiben. Mir ist völlig klar: Manche Menschen erschrecken bei so einer Anregung erst einmal – „Was, ich soll mich derart persönlich positionieren?!“ Ja, bitte! Denn am Ende werden alle davon profitieren – Schreibende wie Lesende.

Ich gehe mit solchen Fragen vorsichtig vor. Denn es ist ja nichts gewonnen, wenn jemand sich allzu sehr vor einer persönlichen Stellungnahme scheut. Dann respektiere ich dieses Unbehagen, spreche das Thema aber manchmal doch noch von einer anderen Warte aus an: Vielleicht finden wir ja einen weiteren, (noch) unbekannten Weg für das Erzählen … Nicht selten kann ja beispielsweise die Entwicklung von Dingen, Erkenntnissen, von Forschung oder Lernschritten die Rolle des Erzählens übernehmen – ohne, dass es allzu persönlich wird

Das Abenteuer des Schreibens

Auf der anderen Seite weiß ich nur allzu gut, was es alles zu gewinnen gibt, wenn sich Autor:innen auf das Abenteuer einlassen, sich mit einem Sachbuch persönlich zu positionieren. Ich spreche da immer von den Entwicklungs-Chancen, die wir beim und mit dem Buch-Schreiben erleben können. Das ist vielleicht das wichtigste Abenteuer des Schreibens. Und es ist so hoch individuell, dass ich es hier nur eben andeuten möchte. Denn jeder und jede erlebt dabei etwas anders. Natürlich! Doch es ist stets eine positive Entwicklung, die oft genau bei den hier skizzierten Fragen beginnt.

Darum ist es mir vor allem wichtig, dass die jeweilige Lektorinnen und Lektoren den Prozess vom „rein fachlichen“ zum erzählenden Sachbuch mit sehr viel Fingerspitzengefühl begleiten können. Besser noch: ihn aus voller Überzeugung begleiten wollen. Auf mich trifft das zu. Immer. Denn das ist die größte, wichtigste Intention all meiner Arbeit: Ich möchte Menschen auch dabei unterstützen, sich zu entwickeln. Zu sich selbst und ihrer eigenen Stimme zu finden. Das war der Startpunkt meiner Arbeit. Und es bleibt mein Ziel – natürlich immer nur, wenn Autorin oder Autor diesen Weg mitgehen möchten. Ich habe das mal unter der Frage beleuchtet, was denn der Erfolg eines eigenen Buches ist – oder sein kann: https://buchhebamme.de/erfolg-mit-eigenen-buechern

Porträt von Buchhebamme Maria Al-Mana mit Sprechblase: "Ein erzählendes Sachbuch - was ist das? Und wie definiere ich es?2

Fazit

Nicht nur Romane können erzählen. Sachbücher können das auch, oft sogar konzentrierter, fokussierter. Nicht jedes Sachbuch ist strikt „sachbezogen“, wie etwa ein Ratgeber. Und zahlreiche Romane haben immer schon biografische Elemente enthalten. Und weil die Biografie seit jeher in den Sachbuchbereich gehört, lässt sich mit Fug und Recht sagen:

Die Grenzen zwischen Roman und erzählendem Sachbuch sind fließend.

Es sei denn, das Sachbuch richtet sich an ein reines Fachpublikum – dann ist es eben ein Fachbuch. Oder ein klassischer Ratgeber. Aber dann wird der Verlag dieses Buch hoffentlich genauso betiteln: Fachbuch oder Ratgeber. Selfpublisher sollten das unbedingt ebenfalls berücksichtigen. Denn nur so wissen Leserinnen und Leser, woran sie sind. Und trotzdem können wir uns dabei noch überraschen lassen – vor allem von erzählenden Sachbüchern. Denn über das Erzählen ist so viel mehr möglich als über schnörkellose „Sachlichkeit“. Ich finde das schön, denn meine „ideale Buchwelt“ erschafft sowieso immer eigene Welten.

Wer sich mit mir einen Weg durch diese Welt hin zum eigenen (Sach-)Buch suchen möchte: Nur zu – genau das ist ja der Job der Buchhhebamme, Kontakt hier.

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