Stellen Sie sich eine Zeit vor, in der kein Autor an Social-Media-Präsenz denken musste, keine Autorin sich um Amazon-Rankings sorgte und der Begriff „Selfpublishing“ noch nicht einmal existierte. So sah die Verlagswelt vor etwa 30 Jahren aus – eine Welt, die für heutige Selfpublisher gleichzeitig fremd und lehrreich sein kann.
Das goldene Zeitalter der Verlage
In den 1990er Jahren lag die Verantwortung für Buchmarketing fast ausschließlich in den Händen der Verlage. Es war eine klare Arbeitsteilung: Autor:innen schrieben, Verlage verkauften. Dieses System funktionierte über ein fein abgestimmtes Netzwerk aus Buchhandelsvertreter:innen, die regelmäßig Buchhandlungen besuchten, Presseabteilungen, die Rezensionsexemplare verschickten, und einem etablierten Kanon an Literaturkritiker:innen in Zeitungen und Zeitschriften.
Was heute nostalgisch klingt, war damals ein durchdachtes, wenn auch exklusives System. Buchhandelsvertreter:innen waren die wahren Stars des Buchmarketings – sie kannten die Vorlieben „ihrer“ Buchhändler:innen und wussten genau, welche Titel wo platziert werden sollten. Die legendären Geschichten von Vertreter:innen, die mit ihrem Programmkoffer von Buchhandlung zu Buchhandlung reisten, sind heute fast vergessen, aber sie waren das Herzstück des Buchmarketings.
Was Selfpublisher daraus lernen können
Warum sollten sich Selfpublisher überhaupt mit dieser „alten Welt“ beschäftigen? Weil unter der scheinbar altmodischen Oberfläche zeitlose Prinzipien schlummern, die heute wertvoller sind denn je:
Persönliche Beziehungen sind unschlagbar
Buchhandelsvertreter:innen bauten persönliche Beziehungen auf – sie kannten Buchhändler:innen mit Namen, wussten um deren Vorlieben und Abneigungen. Auch heute gilt: Nichts ist wertvoller als der direkte Kontakt. Ob mit lokalen Buchhandlungen, Blogger:innen oder Leser:innen – persönliche Gespräche schaffen Vertrauen und Loyalität, die kein Algorithmus ersetzen kann.
Rezensionsexemplare sind keine Gefälligkeit, sondern Strategie
Damals war es selbstverständlich, Rezensionsexemplare kostenlos zur Verfügung zu stellen. Kein Akt der Großzügigkeit, sondern eine strategische Investition. Heute zögern viele Selfpublisher, „ihr gutes Geld“ für kostenlose Exemplare auszugeben – doch genau hier liegt ein Schlüssel zum Erfolg. Wer sein Buch in die richtigen Hände gibt, investiert in Mundpropaganda und fundierte Kritiken.
Regionaler Buchhandel bleibt ein Kraftzentrum
Trotz aller Online-Revolution: Die lokale Buchhandlung ist nach wie vor ein kultureller Anker. Vor 30 Jahren war sie der Hauptvertriebsweg, heute kann sie für Selfpublisher eine wertvolle Partnerin sein. Besonders in kleineren Städten sind inhabergeführte Buchhandlungen oft offen für lokale Autor:innen – und können als Vermittler zu einer treuen Leserschaft dienen.
Gutes Buchmarketing braucht Zeit
In der Vor-Internet-Ära entwickelte sich der Erfolg eines Buches langsamer, aber oft nachhaltiger. Bücher blieben länger im Gespräch, wurden weiterempfohlen, fanden ihren Weg. In der heutigen Welt des sofortigen Feedbacks und der kurzlebigen Aufmerksamkeitsspannen ist Geduld eine Tugend, die sich auszahlt. Erfolg über Nacht ist selten – kontinuierliche Präsenz und Ausdauer sind erfolgsversprechender.
Die neue Freiheit nutzen
Was die damalige Buchlandschaft nicht bot, war Zugänglichkeit. Das System war exklusiv, oft elitär und für viele Stimmen verschlossen. Hier liegt der entscheidende Vorteil der heutigen Zeit: Selfpublisher müssen nicht darauf warten, dass jemand ihnen eine Tür öffnet – sie können ihre eigenen Türen bauen.
Das bedeutet:
- Autonomie statt Abhängigkeit: Sie entscheiden über jedes Detail Ihres Buchs und seiner Vermarktung
- Direkte Leserkommunikation: Kein Verlag steht zwischen Ihnen und Ihrer Leserschaft
- Kreative Marketingwege: Vom eigenen Podcast bis zur fahrenden Buchhandlung – Ihrer Kreativität sind keine Grenzen gesetzt
- Individuelle Zeitpläne: Keine künstlichen Deadlines oder Marketingfenster, die von Verlagszyklen diktiert werden
Das Beste aus beiden Welten
Das ideale Buchmarketing für heutige Selfpublisher verbindet bewährte Prinzipien der Vergangenheit mit den Möglichkeiten der Gegenwart:
- Bauen Sie persönliche Netzwerke auf – ob offline in Buchhandlungen oder online in Communities
- Investieren Sie in Qualität – bei der Buchproduktion ebenso wie bei Marketingmaterialien
- Denken Sie langfristig – Buchmarketing ist ein Marathon, kein Sprint
- Nutzen Sie regionale Stärken – lokale Medien, Buchhandlungen und Veranstaltungen
- Bleiben Sie authentisch – die Verbindung zwischen Ihnen, Ihrem Buch und Ihrer Leserschaft ist Ihr stärkstes Verkaufsargument
Die goldene Ära der Buchhandelsvertreter mag vorbei sein, aber die Grundprinzipien guten Buchmarketings bleiben bestehen: Qualität, Beziehungen, Ausdauer und Authentizität. Kombinieren Sie diese zeitlosen Werte mit den vielfältigen Möglichkeiten der digitalen Welt, und Sie haben ein Erfolgsrezept, das sowohl nostalgischen Zauber als auch zukunftsweisende Innovation in sich vereint.
Das Buchmarketing von vor 30 Jahren lässt sich zwar nicht kopieren – aber seine Essenz lässt sich zumindest teilweise für unsere Zeit übersetzen. Nutzen Sie diese Erkenntnisse, um nicht nur ein Buch zu verkaufen, sondern eine nachhaltige Autorenkarriere aufzubauen.
In eigener Sache: Buchmarketing lernen!
Wie das gehen kann, könnten Sie beispielsweise in meinen Selbstlernkursen erfahren – da hinein sind natürlich auch all meine Erfahrungen in gut 30 Jahren „Buchwelt“ geflossen … Es gibt zwei Kurse, beide gleichermaßen für Selfpublisher wie Verlagsautor:innen geeignet:
- einer für Menschen, deren Buch bereits publiziert ist: Buchmarketing jenseits von amazon
- einer für Menschen, die darüber nachdenken, ein Buch zu schreiben: Buchmarketing jenseits von amazon planen
Text und Gestaltung: Maria Al-Mana
Buchhebamme, Texthandwerkerin, Autorin. Freut sich über jeden Austausch. Mit euch. Und Ihnen.
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