Falls es jemand noch nicht weiß: Ich betreibe ja auch das Unruhewerk, als privaten Blog: „älter werden – und sichtbar bleiben“, so sein Untertitel. Und neben eher allgemeinen Themen zum Älterwerden, zu Lebensumbrüchen und Kreativität oder der Online-Sichtbarkeit gibt es viele Hinweise auf andere Blogs 50plus. Aber immer wieder auch Buchbesprechungen, Buchtipps. Und um genau die soll es hier gehen.
Wie kommen Bücher zu mir, oder: Buchbesprechungen und Älterwerden
Wie kommen all die Bücher eigentlich zu mir? Die Frage habe ich mir gerade selbst gestellt, als ich mir dieses Sammelsurium aus Buchtipps im Unruhewerk näher angesehen habe … Eigentlich habe ich da ja ganz klare Kriterien … Eigentlich.
Irgendwie soll und muss es um das Älterwerden gehen. Klingt schon mal viel einfacher als es ist. Denn: Älter werden wir schließlich alle, jeden Tag unseres Lebens ab Geburt. Und dann kann auch eine Art „Entwicklungsroman“ sehr gut für das Älterwerden stehen. Und alle Geschichten von Kriegsenkel:innen sind es für mich zwangsläufig auch. Ja, zugegeben: das ist ein Spezialthema. Aber ich finde es wichtig.
Das Buch sollte mich ansprechen – und das kann auch über den Eigensinn geschehen, den ich in dem jeweiligen Buch finde. Dann gilt: Eigensinn schlägt Älterwerden. Darum findet sich in meiner Liste der Buchbesprechungen auch so einiges, was vor allem dem Thema Eigensinn nahe steht.
Da ich ja auch Bücher von und mit Kund:innen entwickle, könnte auch das eine „Quelle“ sein, aus der Bücher zu mir kommen. Ja, tun sie. Doch seit ich mich auch um Buchmarketing kümmere, finde ich, dass dies eine unsaubere Vermischung von Angebot und eigener Arbeit wäre. Habe lang versucht, mich daran zu halten. Doch heute mache ich mal eine Ausnahme – gleich erwähne ich auch ein paar ausgewählte Bücher meiner Kund:innen.
Es kommt immer mal wieder vor, dass ich Anfragen bekomme … Nicht wie „klassischen Buchblogger“ von Verlagen, sondern eher von Selfpublishern. Finde ich absolut richtig. Denn erstens gibt es viel zu wenige Buchblogs, die sich überhaupt auf Selfpublisher einlassen (wird auch in meiner mühsam erstellten Liste der Buchblogs ziemlich deutlich …) Und zweitens scheint mir, dass es kaum Verlage gibt, die ein Thema wie die Kombination aus Buch, Blog und Älterwerden auf ihrer Agenda haben … Führe ich gleich noch ein bisschen aus.
Bei alldem ist es mir völlig egal, ob es sich um ein Sachbuch oder Biografisches oder Fiktionales handelt. Diese Freiheit nehme ich mir einfach.
Festzuhalten bleibt: Das „Sammelsurium“ ist gewissermaßen vorprogrammiert – Sachbuch, Biografisches und Fiktionales, was die Form betrifft. Älterwerden, Entwicklung, Eigensinn und Geschichten von Kriegsenkeln, was die Inhalte betrifft. So etwa. Klar, oder?
Ich versuche mal, das alles etwas näher aufzudröseln …
Die Sache mit den Kriegsenkeln
Die Sache mit den Geschichten von Kriegsenkelinnen und Kriegsenkeln ist völlig klar. Dafür habe ich im Unruhewerk sogar ein eigenes Stichwort. Wer sich dafür interessiert, findet alle Bücher zum Thema hier. Weniger klar ist, wann eine (biografische) Erzählung eigentlich beginnt, zu einer Geschichte von Kriegsenkeln zu werden … Denn im Prinzip geht es ja da um alle Menschen, die zwischen 1950 und 1980 geboren wurde. Alle, die sich mit den Erfahrungen von Eltern auseinandersetzen mussten und müssen, die während des Zweiten Weltkriegs aufwuchsen.
Alle?! Nein. Dafür habe ich eine wichtige Unterscheidung gefunden: In wessen Familie die Kriegserfahrungen klar und offen thematisiert wurden, ist weniger in Gefahr, größere oder auch nur kleine traumatische Wunden davonzutragen. Und oft ist für mich das Buch einer Kriegsenkelin, eines Kriegsenkels genau das: Die Auseinandersetzung mit solchen Wunden. Ein klassisches Beispiel dafür: das leider schon vergriffene Buch von Maria Bachmann. Als Sachbuch war einer meiner Augenöffner „Die Kraft der Kriegsenkel„. Und dann gibt es noch diese Bücher, die zwischen Entwicklungsroman, Autobiografischem und Kriegsenkel-Geschichte schweben … Beispielsweise die Familienchronik Wo das Schweigen wohnt – ein Buch, für das ich sehr dankbar war. Und das mir die Autorin ohne Aufforderung einfach so zur Rezension angeboten hat. Manchmal funktioniert das. Aber nicht immer … Als Anregung: einen Versuch ist es immer wert … Ich bin offen für so etwas.
Wenn es Bücher sind, die ich mit einer Autorin gemeinsam entwickelt habe, kommt es immer mal wieder vor, dass ich ahne: Ja, das ist eine Kriegsenkelin. Doch da ich keine Therapeutin bin, gehe ich sehr, sehr vorsichtig mit dem Thema um. Denn wenn der betreffende Mensch sich selbst nicht als Kriegsenkel sieht, würde ich es regelrecht für übergriffig halten, ihm das zu „unterstellen“. Manchmal kommt es im Lauf unserer Zusammenarbeit zur Sprache – ganz leise. Aber ich bin sicher nicht diejenige, die einem solchen Buch dann ein fremdes „Etikett“ aufdrückt. Das kann zum Dilemma werden … Doch es gibt ja noch weitere Menschen, die dieses Dilemma lösen können, für sich ganz allein. Und das sind die Leserinnen und Leser. Wer jetzt neugierig geworden ist: Das Buch, das ich hierbei vor allem vor Augen habe, ist die wahre Geschichte von Lena Dieterle: „Kindheit gesucht. Schatz gefunden“ – unter den Büchern meiner Kund:innen hier.
Entwicklungsgeschichten
Eigentlich ist jede Geschichte von Kriegsenkel:innen in meinen Augen schon eine Entwicklungsgeschichte. Liegt in der Natur der Sache … Und spätestens in dem Moment, in dem das Schreiben beginnt, setzt Entwicklung ein. Beginnt aber meist schon sehr viel früher …
Doch es gibt auch Bücher über die Entwicklung von Menschen, die einen sehr klaren, völlig anderen Fokus haben. Als Beispiel hierfür noch mal zwei Bücher, die ich begleiten durfte:
Zum anderen „Kein Wort über die Kaninchen“ von Lou Kindermann, ebenfalls hier. Ein mutiges Buch über eine Kindheit, die – nun ja – „anders“ war …
Natürlich fließen in die Auswahl einer Buchbloggerin auch zwangsläufig immer deren eigenen Vorlieben, Erfahrungen und Entwicklungen ein. Manchmal bin ich selbst schlicht elektrisiert. Das war beispielsweise der Fall bei dem Buch von Friedrich Ani mit dem Titel „Schlupfwinkel„. Oder bei „Nach der Flucht“ von Ilja Trojanow.
Thema Eigensinn
Ein seltener Fall von Übereinstimmung der Themenfelder Älterwerden und Eigensinn ist die Autobiografie von Henning Mankell: „Treibsand – Was es heißt, ein Mensch zu sein“.
Mankell hatte ich schon lange vorher in meine „Galerie“ der Eigensinnigen aufgenommen … Als ich meine Trilogie des Eigensinns schrieb. Und nach seiner Krebsdiagnose begann der Mann, der so viel mehr konnte und tat, als „nur“ Krimis zu schreiben mit seiner Autobiografie. Für mich ein absoluter Glücksfall!
Kooperation mit mir als Buchbloggerin, vor allem als Selfpublisher
Ganz ehrlich: Ich schreibe diesen Beitrag hier auch darum, weil ich finde, dass das ein ziemlich weites, schwieriges Feld ist … In die schon erwähnte Liste von Buchbloggern, die auch Selfpublishing-Titel zulassen, habe ich viel Arbeit gesteckt. Und habe doch das Gefühl: Das Ding kommt einfach nicht vom Fleck. Verglichen mit der großen Zahl an Buchblogs, die es so gibt, sind die Auswahlmöglichkeiten für Selfpublisher beschämend klein. Woran liegt das? Wissen zu viele Selfpublisher nicht, dass sie – zumindest bei bod und Co. auch Rezensionsexemplare auf den Weg zu Buchbloggern schicken können sollten? Oder schlägt das „Rennomé“ der klassischen Verlage auch hier das „Schmuddelimage“ von Selfpublishern? Ich weiß es nicht, kann aber aus jahrelanger Erfahrung sagen, dass Selfpublisher mindestens so zuverlässig sind wie andere Autorinnen, dass Selfpublishing-Titel sehr wohl gut gesetzt, fehlerfrei und mit guten Covern daherkommen können.
Okay, schwarze Schafe gibt es immer und überall – aber vieles davon sehe ich als möglicherweise interessierte Bloggerin ja schon auf den ersten Blick und kann es von vornherein ausschließen. Ich laufe also selten Gefahr, einem wirklich schlechten Buch „aufzusitzen“ …
Genau: Das nehme ich für mich unbedingt in Anspruch: Ich bin offen für die Kooperation mit Selfpublishern.
Und die Rolle von Verlagen?
Ein „Verdacht“, den ich habe, besagt, dass Verlage und das Thema Älterwerden schwer bis gar nicht miteinander warm werden … Dazu eine kleine, sehr reale Erfahrungsgeschichte: Ich scheue mich sicher nicht, mich an Verlage mit der Bitte um ein Rezensionsexemplar zu wenden. So kam ich in den – sehr netten, sehr offenen – Kontakt mit dem Diogenes-Verlag, als ich um den Roman „Mauersegler“ von Christoph Poschenrieder bat. Übrigens ein sehr liebevoll geschriebenes Buch über das Zusammenleben (und Sterben) von fünf Menschen in einer Alten-WG. So weit, so gut. Ich informierte den Verlag auch brav über meine Rezension (tue ich immer …)
Und erhielt fortan ständig Post von Diogenes. Eigentlich nichts dagegen, denn ich mag vieles, was aus diesem Verlag kommt. Sehr sogar. Doch nicht über alles will ich auch schreiben. Als mir die Mailflut zu groß wurde, teilte ich der dortigen PR-Abteilung genau das mit: Ich interessiere mich aktuell nur für Bücher zum Thema Älterwerden. Antwort: Geht nicht, entspricht nicht unseren Auswahlkriterien. Tja, das wars dann leider auch schon. Schade eigentlich!



